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Vision 12: 4. Belgien

BELGIEN

Angèle

"Balance Ton Quoi"

 

Sie darf zweifelsfrei als eine der Shootingstars momentan bezeichnet werden - und auch wenn Angèle musikalisch nicht französischer klingen könnte, als sie es in ihrem Beitrag "Balance Ton Quoi" tut: sie stammt aus Belgien.

Angèle Van Laeken, wie sie eigentlich heißt, wurde die Musik als Tochter des Sängers Marka und der Schauspielerin Laurence Bibot schon in die Wiege gelegt. Ihr Bruder ist der Rapper Roméo Elvis. Sie wuchs in Linkebeek auf, einem Vorort südlich von Brüssel. Angèle gab ihre ersten Konzerte in Cafés in der Brüsseler Region, zudem machte sie sich über Instagram und YouTube einen Namen.

 

Schon ihre ersten Singles "La loi de Murphy", "Je veux tes yeux", "La Thune" und "Jalousie" schafften den Sprung in die französischen und belgischen Charts und wurden alle mit Gold, bzw. Platin ausgezeichnet. 

 

Ihr Debütalbum "Brol" erschien am 5. Oktober 2018 und schaffte das Kunststück alle Titel davon in den französischen Charts zu platzieren. Gleichzeitig brachte sie mit ihrem Bruder Roméo Elvis die Single "Tout Oublier" heraus, dass auch international Bekanntheit erlangte. Für das Album "Brol" und den Clip zu ihrer Single "Tout Oublier" wurde sie mit zwei Preisen bei den Victoires de la Musique ausgezeichnet, "Tout Oublier" erreichte in Belgien und Frankreich zudem Platz 1 der Singlecharts. 


Das offizielle Musikvideo zu "Balance ton quoi" zeigt humorvoll klar worum es geht.

Mit "Balance ton quoi" ("Welches Gleichgewicht") liefert uns Angèle nicht nur süße, sehr französisch klingende Sommerklänge, sondern - vor allem auch im dazu veröffentlichten Musikvideo - die ein oder andere gesellschaftskritische Ansage: Eine moderne Power-Frau, die sympathisch um Gleichberechtigung und Respekt kämpft.

 

In dem von Charlotte Abramow umgesetzten Musikvideo bekommen wir beispielhafte Missstände überzeichnet, unterhaltsam sowie abwechslungsreich dargeboten, in dem sie als Richterin verschiedene Protagonisten in die „Anti Sexism Academy“ schickt und Sexismus den Mittelfinger zeigt. 

 

Der Clou dabei: Das Thema wird nicht kämpferisch dargeboten, sondern mit soviel süßem melodischem und musikalischen Zuckerguss übergossen, dass man sich kaum diesem Ohrwurm entziehen kann und ihn den ganzen Tag mit sich rumträgt.


Angèle beim ESC?

Sie kann auch modern und ruhig: "Ta Reine" live gesungen in den Colors-Studios.

So erfolgreich dieser süß-luftige französische Lolita-Pop in "Balance ton quoi" auch ist, beim ESC haben wir ihn leider selten zu hören bekommen - erst recht nicht aus Belgien. 

 

Aber Angèle macht mehr als lediglich eine Musikrichtung zu bedienen - ihr Musik lässt sich beschreiben als Elektropop mit Einflüssen aus dem Hip-Hop und dem französischen Chanson. Ella Fitzgerald und Hélène Ségara sind ihre großen Vorbilder.

 

Dementsprechend wäre es sich zu wünschen, wenn jemand wie Angèle, die auch unabhängig eines Eurovision Song Contests Erfolge feiert, mit einem entspannten, modernen Popsong teilnehmen würde. 


BELGIEN beim ESC

Belgien umfasst die niederländischsprachige Region Flandern im Norden, das französischsprachige Wallonien im Süden und eine kleine deutschsprachige Gemeinschaft im Osten, wobei in der Hauptstadt Brüssel niederländisch und französisch gesprochen wird. 

Das hat zur Folge, dass die beiden belgischen Fernsehsender, die französischsprachige RTBF und das niederländischsprachige VRT sich jährlich mit der Teilnahme abwechseln. Während sich so die ersten Jahrzehnte die niederländische mit der französischen abwechselten, wird heute meistens auf englisch gesungen. 

 

Die belgische Punkteausbeute ist - unabhängig von der gesungenen Sprache, dabei sehr unterschiedlich. So holte sich Belgien 1986 den bisher einzigen Sieg (Sandra Kim), während es im Vorjahr noch den letzten Platz belegt hatte. 1978 und 2003 konnte noch ein zweiter Platz erreicht werden.

 

Mit Einführung der Halbfinals scheiterte das Land 5 mal in Folge (trotz der damals sehr bekannten Kate Ryan), konnte dann aber 2010 mit Tom Dice einen guten 6. Platz im Finale belegen (und aus Deutschland 12 Punkte absahnen). 2011, 2012 und 2014 war dann wieder berechtig Schluss im Halbfinale, bis RTBF mit dem Sänger Loïc Nottet ein Risiko einging: Moderne Sounds, kunstvoller Auftritt und vor allem wurde dem Künstler relativ freie Hand gelassen. Ein toller 4. Platz war der verdiente Lohn. Als 2 Jahre später der ungewöhnliche Beitrag "City Lights" von Blanche veröffentlicht wurde, überschlugen Kritiker und Fans sich und Belgien durfte sich sogar als Mitfavorit auf den Sieg zählen. Vor Ort in Kiew passte dann aber beim Auftritt nicht viel zusammen, Blanche wirkte blass und unsicher auf der Bühne. Das am Ende trotzdem ein 4. Platz heraussprang, darf als Erfolg des eher ungewöhnlichen Liedes gezählt werden. Aber es offenbarte leider auch dort schon das Problem der Folgejahre - einen guten Beitrag muss man eben auch noch gut inszenieren. Und so verpasste Belgien auch 2018 und 2019 wieder das Finale.

 

Und sonst so?

Die Musikcharts in Belgien sind momentan in Rubriken nach Regionen bzw. Sprache, auf das niederländischsprachige Flandern und die französischsprachige Wallonie aufgeteilt. Es kann also gut sein, dass jemand einen Hit in der einen Hitliste hat, in der anderen aber gar nicht auftaucht.

 

Abgesehen von den allgemeinen westlichen Hits, finden sich so aber auch viele Einflüsse aus den französischen wie andererseits aus den niederländischen Charts wieder. Im Grunde reicht ein Blick in die belgischen Charts, um einen Überblick zu bekommen was in Frankreich, den Niederlanden und natürlich in Belgien gerade angesagt ist.

 

Eine besondere Vorliebe für ehemalige ESC-Teilnehmer existiert allerdings nicht. 

Unsere Tipps, Hinweise und Hoffnungen für den ESC

Man kann nicht von interessanter Musik aus Belgien schreiben, ohne nicht wenigstens einmal den Namen Stromae genannt zu haben. Leider lässt er weiterhin offen ob er je wieder professionell Musik machen könne, nachdem er 2015 seine Tournee durch Afrika abbrechen musste und seitdem an Panikattaken leidet. Gute Besserung von dieser Stelle aus!

Vielleicht war es noch zu früh für die große ESC-Bühne um alles aus ihrem Lied herauszuholen, aber gute und moderne Musik macht Sie, wie die Titel "Moment" und "Wrong Turn" zeigen. Bleibt ihr zu wünschen, dass Blanche auch auf der Bühne die nötige Sicherheit erlangt, dann werden wir sicher noch etwas von dieser außergewöhnlichen Stimme zu hören bekommen.

Bis heute werden neue Veröffentlichungen von Loïc Nottet nicht nur in Belgien und Frankreich herbeigesehnt - auch viele ESC-Fans zeigen sich weiterhin begeistert und beeindruckt vom "Eurovision-Retter" Belgiens. Sein neues Album steht in den Startlöchern, "29" ist neben dem im November erschienenem "On Fire" ein weiterer Vorbote daraus.


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