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Music is not fireworks - music is feeling!

So missverstanden dieser Satz von Salvador Sobral (ESC-Sieger 2017) auch oft aufgefasst wurde, er schien Irving Wolter, Veranstalter der ersten UNESCON, beflügelt zu haben.  

 

So gab es beim gestrigen Galakonzert keine aufwendigen Videoprojektionen, Trickkleider, Goldregen und Lasershows, es wurde vielmehr auf Emotionen, ein liebevoll zusammengestelltes Programm und das großartig aufspielende "Orchester im Treppenhaus" aus Hannover gesetzt. Kein Massenevent, wie es vor einiger Zeit in Frankfurt scheiterte, sondern ein liebevoll geplantes Event für und von Fans.

 

Auch die Auswahl der auftretenden Musiker überraschte - und ja, enttäuschte auch viele Fans im Vorfeld, mich selbst eingenommen. Wohlwissend, dass die ersten Namen die auftauchten alles "gestandene Musiker" waren, die es sicher schafften mit einem Orchester mitzuhalten, interessierten Sie mich persönlich nicht sonderlich. Corinna May, Chiara, Manuela Bravo - Sängerinnen vor denen ich nicht weglaufen würde, aber ein Konzertticket für sie zu kaufen konnte ich mir erst nicht vorstellen. Den als Legende angekündigten Claes-Göran Hederström kannte ich als ESC-Fan nichtmal. Sebnem Paker, deren "Dinle" für mich persönlich zu den besten ESC-Beiträgen aller Zeiten gehört und Chingiz weckten schlussendlich aber mein Interesse - dass Elina Nechayeva begleitet von einem Orchester beeindrucken würde, stand eh außer Frage.

 

Also schnappte ich mir 2 Freunde (übrigens keine ESC-Fans) und machte mich dann doch gespannt auf den Weg zum Konzert. Im Foyer fand sich eine interessante Mischung aus Eurovision-Fans und anderen Interessierten, auf der Bühne im Saal wartete schon das Orchester auf den nahenden Beginn. Es fiel auf, dass die ca. 350 Zuschauer lediglich auf den Rängen Platz nehmen konnten, direkt vor der Bühne gab es keine Bestuhlung (soviel Karten waren diesmal auch nicht verkauft worden). 

Pünktlich um 20 Uhr ertönte die Eurovisionmelodie, gespielt auf einer Blockflöte und direkt anschließend setzte auch schon das Orchester ein:

 

Mit dem Opener "Man gewöhnt sich so schnell an das Schöne" von Nora Nova (1964) betraten die Moderatoren Alina Stiegler, Stefan Spiegel (beide von Eurovision.de) und der Veranstalter Irving Wolther singend und gut gelaunt die Bühne.

Unsere Pechmarie: 1999 disqualifiziert, 2000 hinter Stefan Raab zweite im Vorentscheid und als Sie doch noch zum ESC fahren durfte, passte auf der Bühne leider nichts mehr richtig zusammen.

Nach kurzen Danksagungen betrat die erste Künstlerin Corinna May die Bühne und sang ihre Beiträge "Hör den Kindern einfach zu" (disqualifizierter Beitrag von 1999), "I believe in God" (Vorentscheid 2000) und schließlich "I can't live without music" (deutscher Beitrag 2002). Hier erwies sich der freie Raum direkt vor der Bühne aber als Segen, den einige Zuschauer sofort zum Tanzen nutzten.

 

Im kurzen Interview erzählte Corinna von ihrem Auftritt 2002 beim ESC und das "Ein Lied kann eine Brücke sein" wie auch "Waterloo" zu ihren liebsten ESC-Beiträgen gehört.


In Schweden eine Legende: Claes-Göran Hederström

Straff getaktet:

Direkt im Anschluss an Corinna Mays Auftritt kam auch schon Claes-Göran Hederström aus Schweden. Er swingte, schlagerte und jazzte sich durch seine Beiträge "Det börjar verka kärlek, banne me" (schwedischer Beitrag 1968) und "Historien om en vän" (Vorentscheid 1973) um dann auch noch Cliff Richard mit "Congratulations" zu huldigen.


ESC-Medley des großartigen Orchester im Treppenhaus

Die Balladen-Expertin Chiara aus Malta

Das Publikum war begeistert - das Orchester gab alles und konnte zeigen, wie sehr sie sich mit dem Eurovision Song Contest im Vorfeld beschäftigt haben:

 

Es folgte ein erstes ESC-Medley aus "Hallelujah", "Hard Rock Hallelujah", Rise like a Phoenix", "Toy", "Satellite" und "Euphoria", zu dem dann auch schon die kurzgeschorene Chiara die Bühne betrat und zeigte was für eine beeindruckende Stimme sie besitzt.

 

Natürlich hatte Sie auch ihre drei eigenen Beiträge im Gepäck ("The one that i love" von 1998 und "What if we" von 2009), wobei ihr ihr eigen geschriebenes "Angel" von 2005 besonders wichtig schien, mit dem Sie nur knapp den Sieg beim ESC in der Ukraine verpasste.

 

Ob man nun ihre Balladen mag oder nicht - live dargebracht begeisterte Chiara und ebnete damit den Weg zum nächsten kleinen Medley, mit dem einiger verstorbenen ESC-Teilnehmern gedacht wurde:

 

"Refrain" von Lys Assia, "Ein Lied geht hinaus in die Welt" von Jürgen Marcus (gesungen von Bernd Peter Fleming, dem Sohn von Joy Fleming) und natürlich "Ein Lied kann eine Brücke sein" von Joy Flemming (gesungen von Corinna May).


Eine gestandene Musikerin die so schnell nichts aus der Ruhe bringt: Manuela Bravo

Auch die folgende Manuela Bravo erinnerte zunächst mit "Silêncio e tanta gente" einer Verstorbenen: der im letzten Jahr verstorbenen Maria Guinot.

 

Anschließend brachte sie dann aber mit ihrem eigenen ESC-Beitrag von 1979 "Sobe, sobe, balão sobe" das Publikum ordentlich in Schwung und animierte zum mitsingen.

 

Der eingängige Refrain musste sogar noch länger herhalten: Während die Estrada Fado Group ein paar Probleme beim Aufbau für das Abschlusslied "Amar pelos dois" von Salvador Sobral hatte, stimmte sie es immer wieder an - da kam selbst Moderator Stefan Spiegel nicht dazwischen.


Zum ersten Mal in Deutschland auf der Bühne: Sebnem Paker

Nach der nötigen Pause (der Sommer ließ grüßen) war es dann soweit: die zweimalige türkische Eurovision-Teilnehmerin Sebnem Paker betrat zum ersten mal unter großem Applaus eine deutsche Bühne und sang ihren schönen Beitrag von 1996 "Beşinci mevsim".

 

Bei dem folgenden Titel "Çal", der 1998 leider in der türkischen Vorentscheidung hängen blieb, hielt es kaum noch jemanden auf den Sitzen und der Raum vor der Bühne wurde kurzerhand zur Tanzfläche umdisponiert, die auch zu "Dinle" (türkischer Beitrag von 1997) nicht mehr verlassen wurde.

 

Eine tolle und sehr sympathische Künstlerin, bei der es wirklich schade ist, dass sie eher selten Konzerte gibt und Sie bisher nie in Deutschland aufgetreten war.


Beeindruckend: Elina Nechayeva - schade nur, dass der NDR hier "Soldi" und "Hatrið mun sigra" aus dem ESC-Medley geschnitten hat

Beim folgenden Medley aus diesjährigen ESC-Beiträgen ("Soldi", "Hatrið mun sigra", "She got me") überraschte mich besonders, wie gut Hatari's Beitrag in einer Orchesterversion klingt.

 

Abgerundet wurde das Medley schließlich mit Sergey Lazarevs "Scream", zu dem die von vielen heiß erwartete Elina Nechayeva die Bühne betrat. Spätestens mit dem von ihr ausgewählten "Nur in der Wiener Luft" von der verschollenen Eleonore Schwarz (Österreich 1962), zeigte Elina was in ihr steckt.

 

Mit dem gefühlvoll und dramatischem "Kuula" (Ott Leppland für Estland, 2012) bereitet sie den Weg zu "La Forza", ihren Beitrag von 2018. Ich war letztes Jahr anfangs kein Fan davon, als "La Forza" als Estlands Beitrag für den ESC ausgewählt wurde, aber das war beeindruckend. Gänsehaut!


Fingerfertig: Chingiz beeindruckte akustisch

Als letztes durfte dann auch der bis zum Bauchnabel aufgeknöpfte Chingiz die Bühne betreten und tat dies, zu meiner persönlichen Freude, mit Gitarre.

 

Bei seinem diesjährigen Beitrag "Truth" und dem folgenden "Milim", mit dem Harel Skaat 2010 Israel vertrat, begleitet er sich ausschließlich allein auf der Gitarre.

 

Beeindruckend, aber gerade bei "Truth" hätte es mich sehr interessiert, wie hier wohl eine Inszenierung mit dem gesamten Orchester geklungen hätte.

 

Zum krönendem Abschluss kehrte Elina schließlich auf die Bühne zurück und beide zusammen interpretierten den diesjährigen ESC-Gewinner "Arcade" von Duncan Laurence, zu dem schließlich auch das Orchester wieder einsetzte. Die beiden schienen sich auch abseits der Bühne sehr gut zu verstehen...


Natürlich kamen am Ende nochmal alle Künstler zu einem Grande Finale auf die Bühne, bei dem es der hervorragenden Stimmung im Saal auch keinen Abbruch tat, dass keine Zugabe vorbereitet war, die das Publikum einforderte. Kurzerhand wurde nochmal das diesjährige ESC-Medly angestimmt, bei dem es sich Veranstalter und Moderator Irving Wolther nicht nehmen ließ auf die Knie zu sinken und Hatari zu zelebrieren und auch Elina zu "Scream" erneut ihre Stimmgewalt zeigte.

 

Bei der abschließenden Disco legte DJ Ohrmeister dann gefühlt sämtliche ESC-Kracher der letzten Jahre auf und es wurde nebst einem trashigen, aber spaßigen Auftritten von Kaia Tamms "Wo sind die Katzen?" (Estland VE 2019), "Er gehört zu mir" (Vorentscheid 1975) und dem obligatorischem "Atemlos" noch bis in die Nacht hinein ausgelassen gefeiert. 


Fazit:

Auch wenn die Vorbereitungen "etwas holprig" waren, die Ticketstaffelungen verwirrten und die Auswahl der Künstler auf dem Papier viele Fans erstmal nicht überzeugen konnte: Das Galakonzert der 1. UNESCON war klasse, im Saal herrschte eine großartige, launige Stimmung - getragen von dem toll aufspielendem "Orchester im Treppenhaus" und dem straff und gut organisiertem Programm des Konzertes.

 

Man kann nur hoffen, dass der Atem des Veranstalters nicht ausgeht und sich die UNESCON zu einem festen jährlichen Fanevent mit Orchester etablieren kann. 

 

Meine persönlichen Highlights?

Chingiz singt "Milim", Elina Nechayeva "Kuula" und Sebnem Paker "Çal", zu dem es viele nicht mehr auf den Sitzen hält und getanzt wird.

Und das über allem tronende "Orchester im Treppenhaus", die für alle Lieder ein Arrangement erstellten und ganz besonders klasse und grossartig wurden, wenn Sie sich in den ESC-Medleys kreativ austoben konnten.

 

Hier steckt auch viel Potenzial für die kommenden Jahre, denn gerade die Momente in denen das Orchester nicht so klingen wollte, wie das Original es vorgab, entfaltete sich eine besondere Magie!


Das komplette Galakonzert der UNESCON:

Weitere Infos:

Alles über die UNESCON findet ihr auf der Homepage zur UNESCON oder bei Instagram, Youtube und Facebook.

Infos zum "Orchester im Treppenhaus" auf der offiziellen Homepage

 

Alle Fotos von: Hari Januschke