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DEUTSCHLAND hat gewählt

Für den Song Contest 2018 wurde der Vorentscheid in Deutschland zum ESC radikal verändert und der NDR durfte dafür schon im ersten Jahr Früchte ernten: Mit Michael Schulte erreichte man einen berechtigt tollen 4. Platz in Lissabon, erntete auch international Aufmerksamkeit für das neue Konzept des Vorentscheids.

 

Hauptanliegen zu diesem radikalem Schritt: Für den Song Contest braucht es Ungewöhnliches. Etwas echtes. Etwas das nicht jeder "nett" findet, sondern etwas das auch ruhig die Geschmäcker spalten soll. Etwas das die Zuschauer emotional einfängt.

Für diese Suche wurde viel Kraft eingesetzt, ein Panel eingerichtet, die Fans einbezogen, ein Algorithmus erarbeitet um Beiträge mit zugleich besonders hoher und niedriger Zustimmung zu bevorzugen und es wurde ein Song Writer Camp installiert, in dem alle Teilnehmer mit international erfolgreichen Songwritern an ihren Beiträgen arbeiten konnten.

Der NDR machte sich selbst auf die Suche nach interessanten Acts, lud aber auch ein sich bewerben zu können. Das mündete letztes Jahr in einer Vorentscheidung, in dem interessante Musiker mit ungewöhnlichen Liedern (Ryks' "You and I" und Xavier Darcys' "Jonah") auf Acts die die Fans spalteten (Voxxclubs' "I mog di so") und "nette" Radiomusik, die niemandem weh tut (Ivy Quainnos' "House of fire" und Natia Toduas' "My own way", eingereicht durch deren Plattenfirmen). Über allem schwebte aber Michael Schultes' "You let me walk alone", ein Musiker den man 2018 auch ohne den großen Aufwand gefunden hätte (er hatte sich selbst ins Spiel gebracht), mit einem zeitlosen und emotionalem Lied, das nicht jedes Jahr so geschrieben wird.

 

Dementsprechend sollte 2019 das Konzept auf die erste wirkliche Härteprobe gestellt werden.

Und bis um 20:14 Uhr schien die Welt noch in Ordnung - mehr noch, es schien als hätte der NDR seine Hausaufgaben gemacht und den goldenen Weg gefunden. Als um Mitternacht alle Beiträge veröffentlicht wurden, jubelten nicht nur die einheimischen Fans. Erste Probenbilder heizten diese Stimmung noch an. Kaum jemand hatte etwas zu meckern, denn (fast) jedes Lied hatte etwas Besonderes, eine Qualität die man zuvor selten in der deutschen Vorentscheidung zu hören bekam.

 

Es fehlte natürlich nicht die große gefühlvolle Ballade, es gab einen sehr modernen elektronischen Titel, der es vielen besonders angetan hatte. In der Auswahl fand man ebenso guten Radiopop, ein zurückgenommenes moderne Pianoballade in der Art von Michael Schultes letztjährigem Beitrag, eine ungewöhnlich kraftvolle R'n'B-Nummer und eine advangatistische Popnummer, wie es sie wohl noch nie zuvor bei einer Vorentscheidung gab.

 

Fanfavoritin Aly Ryan. Stimmlich ab und an etwas schwach, Lichteffekte gut aber sehr ausbaufähig. Schon im Vorfeld und auch während der Show wirkte Aly allerdings sehr unzufrieden.

Die klassische Ballade des Abends von Makeda. Gut und gefühlvoll gesungen, findet so etwas immer seine Fans. Selbst wenn es so unkreativ inszeniert wird wie bei diesem Auftritt.

Teenieschwarm Linus Bruhn mit seinem modernen Radiopop. Aber langweiliger kann man das wohl nicht inszenieren. Wo waren die Parcourtänzer und Aufbauten aus der Probe?

Lilly among Clouds: Sperrig, besonders, ungewöhnlich und aussdrucksstark. Sicher nicht jedems Geschmack -also genau das was laut Konzept eigentlich gesucht wird.


Und es gab die S!sters.

Dieser Beitrag hat allerdings auf anderem Weg in die Vorentscheidung gefunden.

 

Der eingereichte Titel "Sister" gefiel dem NDR laut eigener Aussage so gut, dass man dafür auf die Suche nach zwei Interpretinnen ging, die diesen Titel aufführen könnten. Also links vorbei an dem eigentlichem Auswahlprozess, ein Verfahren dem der richtige Grundgedanke zugrunde liegt. Ein Verfahren das sehr aufwendig ist. Man fand dafür schließlich die beiden Jungen Interpretinnen Carlotta Truman und Laurita.

Soweit nicht verwerflich, wenn einem ein Diamant in die Hand gedrückt wird, muss man ihn nutzen und sollte ihn nicht auf den Müll schmeißen. Das die Berichterstattung und die Medien nun immer ein bisschen besonderer auf den nachgezogenen Titel hinwiesen lässt sich da sicher auch nicht verhindern.

 

Ein erstes "Geschmäckle" kam allerdings bei der Vergabe der Startreihenfolge auf: Ausgerechnet S!sters - der einzige Titel der von heimischen wie auch ausländischen Fans kontinuierlich auf dem letzten Platz gesehen wurde - erhielt den wertvollen letzten Startplatz. Und auch wenn das nicht zwangsläufig heißt, das ein Lied auf dem Startplatz auch gewinnt, so zeigt es dem Zuschauer, wen der NDR als besonders unterstützenswert empfindet und verschafft ebenso einen leichten Vorteil zu den Liedern, die am Anfang eines Wettbewerbes starten müssen. Erst recht in einem Feld in dem es keinen klaren Siegerfavoriten gibt und in einer Sendung, wie "Unser Lied für Israel".

 

Da passte am Bildschirm auf einmal kaum noch etwas zusammen, die Bühne, die Kamera, die meisten Auftritte (obwohl tolle Musiker gefunden wurden) wirkten "flat", die Stimmung in der Halle transportierte sich wenig, vieeel zu lange Vorfilme, die Moderation "bemüht" locker - alles wirkte irgendwie steif und hölzern.

 

Erst mit Lilly among Clouds, dem fünften und sehr ungewöhnlichen Beitrag, wachte der allgemeine Zuschauer auf. Musikalisch irgendwo angesiedelt zwischen Florence and the Machine, London Grammar, Kate Bush und Lana del Ray, stand Lilly im Bodennebel, tanzte und sang ihren mysteriösen Song. Die Kamera gab sich Mühe, fang aber nicht alles richtig gut ein. Trotzdem, auch wenn "Surprise" kein Titel für den Massengeschmack sein dürfte, hier stand die erste Anwärterin auf den Sieg.

Der folgende Radiopop "Our City" von Linus Bruha wurde wieder unglaublich nichtssagend auf die Bühne gebracht, alles was an Tänzern und Aufbauten in den Proben vorhanden war, fehlte und Linus lief nur noch verloren auf der Bühne hin- und her.

 

Lediglich bei den S!sters wurde der Auftritt gut eingefangen, die beiden liebenswerten "Sisters" sangen sehr gut und wirkten allein schon durch den Vorfilm sympathisch. Hier half natürlich, dass beide auch einzeln vorgestellt wurden, so blieben einem langgezogene "ich koche gern und werfe auch mal Laub in die Luft"-Filmchen dort zumindest erspart. Das Lied - egal ob man es nun mag oder nicht - ist "netter" Pop aus dem letzten Jahrzehnt und zumindest musikalisch nahe dem, was man eigentlich aus den nicht erfolgreichen Jahren vom deutschen Vorentscheid gewöhnt war.

 

Durch die genannten Umstände wurde zu diesem Zeitpunkt schon klar, dass die S!sters das Televoting gewinnen würden. Aber den unmodernsten Song des Wettbewerbes konnten doch wohl die verschiedenen Jurys nicht zu positiv bewerten, oder?

Lilly among Clouds schien hier zwar die beste und auffälligste Option für Tel Aviv, war aber wohl für die ganz große und spontane Zuschauer-Massenbewegung zu sperrig und zu ungewöhnlich (trotzdem gaben die Zuschauer übrigens die zweitmeisten Stimmen an sie, Stimmen die man eigentlich von den Jurys hätte erwarten müssen). Aber suchte man mit dem neuen Konzept nicht eigentlich genau solch einen Beitrag?

Man erwartete zumindest ein spannendes Voting.

Liveauftritt bei Unser Lied für Israel

Der Musikpolizist nimmt sich "Sisters" vor


Die eingesetzte internationale Jury entschied sich allerdings für die beiden klassischen Beiträge - S!sters landet ganz knapp vor der klassischen Ballade von Makeda.

 

Nächstes "Geschmäckle" - was macht der Deutsche Johannes Strate in einer internationalen Jury? Und vor allem wenn er auch noch einer Teilnehmerin gegenüber vorbelastet ist (Carlotta von den S!sters war in seinem Team bei The Voice of Kids)? Und - oh Wunder - seine 12 Punkte gehen an die S!sters, die damit mit nur einem Punkt Vorsprung die Wertung der "internationalen" Jury gewinnt, und somit in den zusammengedampften Punkten aber sogar 2 Punkte mehr bekommt als die Zweitplatzierte. Spielt man dieses Spiel einmal zu Ende, hätte es am Ende die gleiche Punktzahl von Makeda und den S!sters an der Spitze gegeben. 

Leider wieder ein Eigentor des NDR.

 

Auch das ESC-Panel hatte 10 Punkte für Makeda, allerdings 12 Punkte für die zuvor schlecht bewertete und im Vorfeld von Fans gehypte Aly Ryan. Der dritte Rang ging an Lilly among Clouds. Wieso im ESC-Panel übrigens auf einmal William von Wiwibloggs auftauchte, versteht wohl nur der NDR und besitzt ebenfalls ein "Geschmäckle". Nicht das William hinzugezogen wird, er hat sich schon oft als jemand entpuppt, der schnell einen richtigen Riecher hat was beim ESC funktioniert (Salvador Sobral, Jamala; Michael Schulte, etc...).

Aber die "legale" Integration in dieses Panel scheint doch etwas unwirklich...

 

Nun folgt also die große Kritik von genervten Fans (teilweise natürlich weil der eigene Favorit nicht gewann, teilweise aber auch äußerst berechtigt) und das selbst von hausinternen Medien. Der NDR wird über diese Kritik wahrscheinlich wieder hinweggehen, so wie es schon auf der anschließenden Pressekonferenz der Fall war. Er wird wohl wieder kritikunfähig und beratungsresistent sein und sich sogar noch bestätigt fühlen, dass der Beitrag "Sister" in seiner Zustimmung spaltet - ohne zu merken, dass dieser Beitrag aus den falschen Gründen spaltet.

Selbst wenn S!sters einen schlechten Platz in Tel Aviv belegen werden (wobei Carlotta und Laurita am wenigsten dafür können und hoffentlich viel für sich aus dem Erlebnis ESC ziehen können), gehe ich davon aus, dass die Verantwortlichen sich anschließend nur wieder wundern werden und nicht wissen wie das passieren konnte. Denn schließlich wollte das Fernsehpublikum ja diesen Beitrag...

 

 

Und nun - so objektiv wie möglich: Wie gefällt Euch "Sister" von S!sters?

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Welchen Platz wird DEUTSCHLAND damit in Tel Aviv belegen?
Sieger!
Top 3
Top 5
Top 10
Platz 11 - 15
Platz 16 - 20
Platz 21 - 26